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Die Macht von Albträumen: Aufstieg der Politik der Furcht

Selbst in der Causa des NSU gibt es internationalen Einfluss, wie z.B. die Anwesenheit des militärischen US-Geheimdienstes DIA(Defense Intelligence Agency), den Klu Klux Klan oder Blood and Honor. Ein Blick auf das Thema Internationaler Terrorismus liegt daher nahe. Möglicherweise können so auch Erkenntnisse gewonnen werden, die die Aufklärung und Einordnung der Causa des NSU begünstigen. Weiterlesen

Quellenverzeichnis der Artikelserie 1

Berliner Zeitung; Berliner LKA in NSU-Affäre verstrickt; 14.09.2012; Andreas Förster, Markus Decker; http://www.berliner-zeitung.de/neonazi-terror/neonazi-terror-nsu-unterstuetzer-arbeitete-fuer-das-lka,11151296,17247646.html; Zugriff: 22.09.2012, 16.12 Uhr

Berliner Zeitung; Die Personalakte Mundlos; 15.09.2012; Steffen Hebestreit; http://www.berliner-zeitung.de/neonazi-terror/nsu-terror-die-personalakte-mundlos,11151296,17256400.html; Zugriff: 25.09.2012, 15.52 Uhr

BfV Spezial; Rechtsextremismus, Nr.21; Gefahr eines bewaffneten Kampfes deutscher Rechtsextremisten – Entwicklungen von 1997 bis Mitte 2004; Stand: Juli 2004; Bundesamt für Verfassungsschutz

Financial Times Deutschland; NSU-Affäre Innenministerium unter Vertuschungsverdacht; 19.07.2012; Autor nicht angegeben; http://www.ftd.de/politik/deutschland/:nsu-affaere-innenministerium-unter-vertuschungsverdacht/70065574.html; Zugriff: 04.08.2012, 16.37 Uhr

Frankfurter Rundschau; In der NSU-Affäre ist eine neue Qualität erreicht; 14. 09.2012; Markus Decker;http://www.fr-online.de/neonazi-terror/kommentar-in-der-nsu-affaere-ist-eine-neue-qualitaet-erreicht,1477338,17254808.html; Zugriff: 22.09.2012, 16.19 Uhr

 Frankfurter Rundschau; Inkompetenz und bewusste Manipulation, Interview mit Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler; 14. 09.2012; Markus Decker; http://www.fr-online.de/neonazi-terror/interview–inkompetenz-und-bewusste-manipulation-,1477338,17255806.html; Zugriff: 22.09.2012, 16.44 Uhr

Frankfurter Rundschau; MAD warb um Neonazi Mundlos; 11. 09.2012; Markus Decker, Steffen Hebestreit;http://www.fr-online.de/neonazi-terror/nsu-mad-warb-um-neonazi-mundlos,1477338,17227164.html; Zugriff: 22.09.2012, 16.14 Uhr

Frankfurter Rundschau; Die Personalakte Mundlos; 15. 09.2012; Steffen Hebestreit; http://www.fr-online.de/neonazi-terror/nsu-terror-die-personalakte-mundlos,1477338,17256400.html; Zugriff: 22.09.2012, 16.41 Uhr

Frankfurter Rundschau; Was wusste Henkel über den NSU?; 14. 09.2012; Markus Decker; http://www.fr-online.de/neonazi-terror/nsu-affaere-was-wusste-henkel-ueber-den-nsu-,1477338,17256176.html; Zugriff: 22.09.2012, 16.17 Uhr

Junge Welt; Kumpanei mit Konturen; 17.09.2012; Autor nicht genannt, dapd/jW; http://www.jungewelt.de/2012/09-17/054.php; Zugriff: 22.09.2012, 16.22 Uhr

Jungle World; Heimatschutz dank Verfassungsschutz; 13.09.2012; Andreas Speit; http://jungle-world.com/artikel/2012/37/46227.html; Zugriff: 22.09.2012, 16.47 Uhr

LfV SN; Erkenntniszusammenstellung: Hinweise auf Verbindungen thüringischer Rechtsextremisten nach Sachsen; 15.11.2011; Dr. Vahrenhold; http://dl.dropbox.com/u/90473049/LfV_Sachsen_24112011.pdf; Zugriff: 23.09.2012, 15.11 Uhr

LfV SN; Fax an Herrn Binz „Soko TRIO“:  Ermittlungsverfahren gegen Beate ZSCHÄPE wegen des Verdachts der Bildung einer terroristischen Vereinigung gemäß § 129a Abs. 1 Nr. 1 StGB und andere; 24.11.2011; http://dl.dropbox.com/u/90473049/LfV_Sachsen_24112011.pdf; Zugriff: 24.09.2012, 12.47 Uhr

Schäfer, Gehard; Wache, Volkhard; Meiborg,Gerhard; Gutachten zum Verhalten der Thüringer Behörden und Staatsanwaltschaften bei der Verfolgung des „Zwickauer Trios“; Erfurt; 14.05.2012; Freistaat Thüringen

Der Spiegel; Berlins Innensenator gerät unter massiven Druck; 14.09.2012; Matthias Gebauer; http://www.spiegel.de/politik/deutschland/nsu-ermittlungspannen-frank-henkel-in-erklaerungsnot-a-855838.html; Zugriff: 22.09.2012, 16.33 Uhr

Süddeutsche Zeitung; Musterschüler unter Beschuss; 14.09.2012; Peter Blechschmidt; http://www.sueddeutsche.de/politik/de-maizire-in-der-mad-affaere-musterschueler-unter-beschuss-1.1467665; Zugriff: 23.09.2012, 14.15 Uhr

Süddeutsche Zeitung; Schwere Vorwürfe gegen Berliner Behörden, Direkte Kontakte lassen sich nur bis 1998 nachweisen; 13.09.2012; Tanjev Schultz; http://www.sueddeutsche.de/politik/untersuchungsausschuss-zu-nsu-morden-schwere-vorwuerfe-gegen-berliner-behoerden-1.1467644; http://www.sueddeutsche.de/politik/untersuchungsausschuss-zu-nsu-morden-schwere-vorwuerfe-gegen-berliner-behoerden-1.1467644-2; Zugriff: 22.09.2012, 16.31 Uhr

Tagesschau.de; Zschäpes Ex-Freund war offenbar V-Mann; 14.09.2012; Autor nicht genannt; http://www.tagesschau.de/inland/nsu-ausschuss108.html; Zugriff: 22.09.2012, 16.28 Uhr

TLfV; Erkenntniszusammenstellung des TLfV über Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe an Frau OSTAin beim BGH Gmel; 30.11.2011; i.V. gez. Derichs; http://dl.dropbox.com/u/90473049/Erkenntnisse_LfVT_30112011.pdf; Zugriff: 23.09.2012, 11.27 Uhr

Festhalten am Pannenparadigma

Ob all der Fakten zum NSU, die nach dem 14.09.2012 bekannt wurden und denen, die bereits im Blog zusammengetragen wurden, wird von weiten Teilen der Politik und Medien an dem Pannenparadigma festgehalten und damit auch die Empörung auf die Trennungsgebote von Geheimdienst, Militär und Polizei gelenkt. In aller Kürze seien hier einige Beispiele genannt, die als Referenz stehen, in welchem Wortlaut dies kommuniziert wird.

„Auch das Land Berlin ist nun in die Affäre um die Ermittlungspannen im Fall der rechtsterroristischen Vereinigung NSU geraten.“[1]

Die SPD-Obfrau im Untersuchungsausschuss, Eva Högl, sprach von einem „unerklärlichen und auch unentschuldbaren Versagen des MAD“.[2]

„So sagte der Ausschuss-Vorsitzende Sebastian Edathy (SPD) der Berliner Zeitung am Freitag zur aktuellen Berliner Info-Panne…“[3]

„Kanzlerin Merkel hat in Sachen NSU-Morde Aufklärung versprochen. Doch nach all den Pannen klingt das wie eine Verhöhnung der Opfer.“
„Mehr als eine Dekade waren die Sicherheitsbehörden unfähig, den Tätern auf die Spur zu kommen.“[4]

„Dass die Akte über den späteren NSU-Neonazi Mundlos beim Geheimdienst der Bundeswehr erst jetzt bekannt wird, ist ein Patzer.“
„Niemand kann ernsthaft annehmen, de Maizière habe bewusst etwas vertuschen oder den Ausschuss ausbremsen wollen, wie es dessen Vorsitzender Sebastian Edathy von der SPD jetzt unterstellt.“
„De Maizière sei ein Behördenchef, der auf klare Verantwortlichkeiten setze und sie auch respektiere, sagte am Donnerstag jemand, der die Arbeitsweise des Ministers gut kennt. Das bedeute, dass de Maizière sich auch darauf verlasse, dass diese Strukturen funktionieren. Im Fall der Mundlos-Akte aber hätte sich de Maizière der Sensibilität des Vorgangs schärfer bewusst sein müssen, hieß es.“[5]

Der Artikel ist der 5. von insgesamt 6 in der Serie 1. Zur Gliederung dieser Serie geht es hier lang.


[1] Zitat Berliner Zeitung; Berliner LKA in NSU-Affäre verstrickt; 14.09.2012
[2] Zitat Frankfurter Rundschau; MAD warb um Neonazi Mundlos; 11. 09.2012
[3] Zitat Frankfurter Rundschau; Was wusste Henkel über den NSU?; 14. 09.2012
[4] Ziat Frankfurter Rundschau; In der NSU-Affäre ist eine neue Qualität erreicht; 14. 09.2012
[5] Vgl. Süddeutsche Zeitung; Musterschüler unter Beschuss; 14.09.2012

Einleitung zur Artikelserie 1

Anfang/ bis Mitte September 2012 sind erneut Fakten zur NSU-Affäre öffentlich geworden. Durch Sie wird klar, dass manch Sicherheitsbehörde sehr viel enger in die Affäre verstrickt ist, als bis dato bekannt.
Im Zuge dieser Veröffentlichungen sind auch Fakten bekannt geworden, die die These, dass die Terrorkampagne des NSU hätte verhindert werden können untermauern. Simultan rückt damit jedoch auch die Annahme, dass aus der Nichtverhinderung möglicherweise ein Nutzen gezogen werden soll, von der vollständigen Unwahrscheinlichkeit ein Stück weiter in Richtung Wahrscheinlichkeit.
Unabhängig von diesen Thesen zur Ergründung des Terrorphänomens NSU unterstreicht die jetzige Faktenlage die Notwendigkeit der detaillierten Auseinandersetzung mit dem Thema Terrorismus in Deutschland.

Weil jedoch die Verstrickung einiger Elemente der Sicherheitsbehörden deutlich geworden ist, muss mit dieser Notwendigkeit auch das Thema des inszenierten Terrors in die Debatte Einzug erhalten. Es ist nicht zwingend, dass die Inszenierung der weitverbreiteten Annahme einer vollständigen Orchestrierung z.B. durch etwaige Elemente der Sicherheitsbehörden folgt.

Viel zu selten werden die Fakten dahingehend begutachtet, dass eine Inszenierung auch in einer Nichtverhinderung der Terrorkampagne des NSU, also in Ihrem Zulassen trotz der Möglichkeit zur Verhinderung und im Wissen, welche Akte des Terrors und Straftaten entsprechend dem Täterprofil der vermutlichen Terroristen folgen können, besteht. Daher soll in dieser Serie die aktuelle Faktenlage in Bezug auf Hinweise begutachtet werden, die auf eine solche Inszenierung deuten.

Dies soll hier an Hand von zusammengefassten Medienberichten und Dokumenten von Sicherheitsbehörden erfolgen. Letztlich kann so auch weitere Transparenz in der NSU-Affäre gefördert werden.

Der Artikel ist der 1. von insgesamt 6 in der Serie 1. Zur Gliederung dieser Serie geht es hier lang.

Einleitung

Die Debatte in den Medien fokussiert größtenteils das Versagen der Sicherheitsbehörden in Bezug auf die Affäre des NSU(National Sozialistischer Untergrund). Wenige Medien zeigen darin jedoch Widersprüche und andere Deutungsrichtung der Fakten- und Indizienlage auf. Umfassende Erklärungen der Terrorgefahr, ihrer Ursachen und Begründungen für Anti-Terror-Maßnahmen werden kaum angeboten. Die Affäre des NSU wurde zudem noch nicht auf Indizien und/ oder Hinweise untersucht, die Parallelen zu anderen Terrorereignissen aufzeigen. Eine Möglichkeit, durch die sich die Debatte mit Hinweisen und Erkenntnissen aus der Vergangenheit bereichern ließe. „Denn natürlich dürfen Journalisten auch dann noch Fragen stellen und Merkwürdigkeiten auf der Spur bleiben, wenn die Justiz einen Fall längst zu den Akten gelegt hat. Sie dürfen auch zweifelhafte Urteile und Verfahrenseinstellungen kritisieren. Das genau ist das Wesen einer freien Presse“[1].

Im Zentrum dieser Betrachtung steht die so genannte Strategie der Spannung. Über sie erfuhr eine breite Öffentlichkeit Anfang der 1990er Jahre. Es kam damals zu Tage, dass Massaker dazu dienten innerhalb des Landes Spannungen in der Bevölkerung zu erzeugen.[2] Diese Ereignisse fanden allerdings im Italien unter Premier Giulio Andreottistatt.

Andreotti erklärte am 03.08.1990 vor dem Senat, dass im Land eine Geheimarmee mit dem Decknamen „Gladio“ (ital. für Kurzschwert) existiere. Er bestand zu dem darauf, dass sie Teil eines Netzwerkes war, welches, wie nun bekannt, sich neben Italien über die Länder Portugal, Spanien, Griechenland, Türkei, Frankreich, Belgien, Luxemburg, Niederlande, Dänemark, Norwegen; einschließlich der „vier neutralen Staaten […] Österreich, Finnland, Schweden und die Schweiz“[3], sowie eben der BRD erstreckte. Dieses durch die NATO(North Atlantic Treaty Organisation) koordinierte sogenannte Stay-behind-Netzwerk sollte im Falle einer Invasion Westeuropas durch die Sowjetunion hinter den feindlichen Linien den Guerillakampf aufnehmen. Die Armee der Stay-behinds (S/B) war seit ihren Ursprüngen kurz nach dem II. Weltkrieg weder den Völkern, noch den Parlamenten oder der Mehrzahl der Regierungsmitglieder bekannt. In einigen Ländern entwickelten sich daraus jedoch Terrorzellen. So wurde z.B. „Gladio“ in Zusammenarbeit mit rechtsextremen Terroristen im Sinne der Strategie der Spannung eingesetzt.

Könnten heute diese oder ähnliche Elemente die Strategie der Spannung selbst oder sie als Blaupause anwenden?

Allein wegen der sich aus der Existenz der Geheimarmee in der BRD ergebenden Frage des Vertrauens in die vergangenen Regierungen, würde wohl ein „Warum nicht?“ als Antwort auf die Ausgangsfrage rechtfertigen. Im Besonderen, weil es bei der Ankündigung im Jahr 1990, die entsprechenden Strukturen „bis zum April 1991“[4] aufzulösen geblieben ist.

Im Vorfeld der Arbeit wurden neben dem Standwerk zum Thema inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung in Europa vier weitere Fachbücher und -schriften, vier Gutachten, zwei Vorträge, eine Studie, vier TV-Dokumentationen, drei Print- und 65 Onlineartikel begutachtet. Zur Beantwortung der Ausgangsfrage werden an Hand dieser Informationen die Phänomene der S/B und des NSU verglichen, um Parallelen aufzuzeigen. Dafür wird das Thema Geheimarmeen zum Einstieg dargestellt. Darauf folgend stellen die Aufgaben der sogenannten Stay-behind-Agenten (S/BA) weitere Vergleichsgrundlagen. Im Anschluss wird Begriff „Strategie der Spannung“ erläutert. Die Relevanz für Deutschland wird darauf folgend im Zeitverlauf gezeigt. Sodann wird die NSU-Affäre detailliert betrachtet. Weiterführend werden Parallelen zwischen dem Rechtsextremismus in Deutschland mit Schwerpunkt NSU und sogenannten „Gladio“-Affäre aufgezeigt. Zu Vorletzt wird der in dieser Arbeit sekundäre Themenkomplex des inszenierten Linksterrorismus dargestellt und auf Parallelen auf vorherigen Erkenntnissen gezeigt, um zum Ende das Fazit der Arbeit zu ziehen.

Mit der Arbeit ist die Artikelserie 0 entstanden, die insgesamt 15 Artikel umfasst, die Gliederung dazu finden Sie im Menüpunkt Artikelserien.
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[1] Vgl. Die Zeit; Urteil gegen die Pressefreiheit; 14.08.2010
[2] Vgl. Ganser; NATO Geheimarmeen in Europa; Zürich; 2010; S. 30
[3] Zitat, Ebenda; S. 378
[4] Zitat; Süddeutsche Zeitung; Geheimarmeen in elf Nato-Ländern; 04.04.2009

Kurzportrait der geheimen Stay-behind-Armee

„Die geheimen Stay-behind-Armeen der NATO waren eine kluge Vorsichtsmaßnahme, […]. Auf der Grundlage der Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg und der schnellen und traumatischen Besetzung der meisten europäischen Länder durch deutsche und italienische Truppen fürchteten militärische Experten die Sowjetunion und waren überzeugt, dass eine Stay-behind-Armee von strategischem Wert sein könnte, wenn besetztes Gebiet befreit werden sollte.“[1]

Wenn es um Westeuropa geht, ist vielen „bis heute nicht klar, wie stark auch die europäischen Länder manipuliert wurden. Die Fakten über Gladio und die Stay-behind-Armeen der NATO zeigen eine subtilere und verdeckte Strategie zur Manipulation und Eingrenzung der Souveränität, die von Land zu Land sehr unterschiedlich war.“[2] „Doch die Manipulation durch Washington und London, deren Umfang für viele in der Europäischen Union auch heute noch schwer zu glauben ist, hat eindeutig die gesetzlichen Regeln verletzt.“[3] „Die geheimen Stay-behind-Armeen der NATO waren […] auch eine Quelle des Terrors“, […].[4] Die NATO Geheimarmeen machen klar, dass „Brutalität und Terror zur Kontrolle der Bevölkerung auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs“[5] existierte. Um das Wesen der Geheimarmee etwas detaillierter zu erfassen, soll anschließend der Kern der Handhabung der Stay-behind-Agenten und deren Geheimhaltung vorgestellt.

Die Kommandokette der Geheimarmeen und das Need-to-know-Prinzip

Die Geheimarmeen waren in ein militärisches, streng hierarchisches Netzwerk eingebunden. Zum Verständnis dessen wird die Kommandokette der Geheimarmeen in Europa mit ihren fünf bedeutendsten Hierarchieebenen von oben nach unten vorgestellt. An der Spitze befindet sich das Pentagon, USA. Auf der nächsttieferen Ebene arbeitet das NATO SHAPE (Supreme Headquarters Allied Powers Europe) in Casteau, Belgien. Das Hauptquartier und damit die Befehlsgewalt über die alliierten Truppen in Europa unterstehen dem SACEUR (Supreme Allied Commander Europe).

Die Kommandokette geht dann auf die dritte Hierarchieebene über. Dort sind die Geheimdienste CIA(Central Intelligence Agency) und MI6(Military Intelligence, Section 6) angegliedert. Die Angelegenheiten der Geheimarmeen wurden weitergehend über das ACC (Allied Clandestine Committee), dem internationalen Komitee der militärischen Geheimdienste koordiniert. Ein weiteres Komitee stellt das CPC(Clandestine Planning Committee) dar.[6]

Erfolgreich wurde das Netzwerk zwischen 1950 und 1990 geheim gehalten. Um es unter allen Umständen vor seiner Aufdeckung zu bewahren, „wurde das Need-to-know-Prinzip, das Informationen auf die kleinstmögliche Anzahl von Leuten begrenzte, strikt befolgt“[7]. Demnach wurde der Informationsfluss über die Kommandokette begrenzt. Nicht jeder Teilnehmer hatte die gleichen Informationen z.B. über andere Teilnehmer oder über in der Kommandokette höherrangige Mitglieder.[8] Z.B. im Falle der Festnahme eines S/BA, wurde so vorausschauend Sorge getragen, dass Informationen nicht in die Hände von Unbefugten oder gar des Gegners gelangten.

Das Need-to-know-Prinzip ist nicht unbedingt ein den NATO-Geheimarmeen eigener Grundsatz, vielmehr scheint es eines der „nachrichtendienstlichen Arbeit“ zu sein. Im Deutschen ist die Formulierung „Kenntnis nur, wenn nötig“ ein Grundsatz eben dafür.[9]

Die Aufgaben der SBA

Während des Kalten Krieges konnten die Militärs die Invasionsgefahr durch die Sowjetunion nicht ausschließen. Der Auftrag war im Falle einer Invasion, diese hinter den feindlichen Linien mit Guerillataktiken zu bekämpfen. Da die Geheimarmeen über ganz Westeuropa aufgebaut wurden und in den unterschiedlichen Ländern verschiedene Situationen vorherrschten, wurden die SBA mit einem breiten Aufgabenspektrum ausgestattet, von dem hier ein Ausschnitt beschrieben wird.

Neben nachrichtendienstlichen Fähigkeiten wie dem Nutzen toter Briefkästen, zum Empfangen und Versenden von Nachrichten, wie es z.B. in Westdeutschland der Fall war,[10] wurden die geheimen Krieger auch militärisch ausgebildet. In Italien waren die Ausbildung von Froschmännern, Schießübungen inklusive instinktivem Schießen, Training mit Sprengstoffen und Theorie[11] ein Teil dessen.

Es wurde bekannt, dass Sie auch gegen den Feind von Innen kämpfen sollten. In Italien zeigte sich auf Dokumenten des militärischen Geheimdienstes SIFAR (Servizio di Informazioni delle Forze Armate) aus dem Jahre 1959 dieser doppelte Auftrag. Der erste Teil war der oben beschriebene. Der zweite Auftrag ist etwas weiter gefasst, so sollten sie spezielle Operationen in „Notfällen“ (ital.: „casa di emergenca“) ausführen. Die „Notfälle“ bezogen sich auf die politische Stabilität des Landes.[12]

Zwischen 1950 und 1970 führten Sie „in den jeweiligen Ländern“ „geheime politische Kriege“, „mittels Propaganda, Gewalt und psychologische(r) Kriegsführung“[13]. Auf die Frage, in welchen Szenarien die erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten eingesetzt werden sollten, kann die Blaupause von „Gladio“, die Operation Piano Solo – ein Putsch in Italien im November 1963 – als eine mögliche Antwort dienen.[14] Vor diesem Putsch wurden Teile der SBA „verkleidet als Polizisten und Zivilisten“ eingesetzt, um die Zerschlagung einer Gewerkschaftsdemonstration zu bewirken[15].

Die S/BA sollten auch „gegen mögliche Kollaborateure im Inneren der Bundesrepublik vorgehen“[16]. Beispielsweise „die SPD(Sozialdemokratische Partei Deutschlands, Anm. d. Autors) infiltrieren und die Parteiführung ausspionieren, so dass sie (die 40 SPD-Funktionäre, Anm. d. Autors) schneller töten konnten, wenn die Zeit gekommen war“[17].

In Belgien dagegen bestand die Geheimarmee aus zwei Teilen, dem militärischen SDRA8(Service de Documentation, de Renseignements et d’Action VIII) und dem zivilen STC/Mob(section training, communicatio and mobilisation).[18] Im Falle eines Krieges sollten z.B. die in „Nahkampf, Fallschirmspringen und Marineoperationen ausgebildeten“[19] Agenten des SDRA8 die Organisation von Verbindungs- und Evakuierungslinien übernehmen. Demgegenüber waren die Aufgaben der als Techniker für Funkanlagen ausgebildeten Angehörigen[20] des STC/Mob die „psychologische Kriegsführung, vor allem auch geheime Presse- und Rundfunkarbeit“ sowie „Aktionen zur Desinformation“, um Operationsschutz zu erzielen. Ebenfalls zählte die Werbung von Agenten dazu[21].

Belgien – eine Leistungsmarke?

Seit am 07.03.1966 der französische Präsident de Gaulle die NATO „aus dem französischen Territorium verwies“[22], befinden sich die Hauptquartiere der NATO wie oben angesprochen in Belgien. Stay-behind-Aktivitäten waren zu diesem Zeitpunkt nichts Neues in Belgien, im Gegenteil. Ob ihrer sehr guten Organisation im Kampf gegen die Besatzung durch die Nazis wurden sie „von den britischen und amerikanischen Geheimdiensten bewundert“[23].

Bei dem Neuaufbau in Belgien wurde ebenfalls das ACC der NATO, das „als ein Stay-behind-Hauptquartier fungieren“[24] sollte, im Hauptquartier SHAPE in Casteu angegliedert.
„Es war ein technisches Komitee, ein Forum in dem Erfahrungen ausgetauscht wurden, in dem man über die verfügbaren Mittel oder erprobte Mittel sprach, in dem Informationen über das Netzwerk ausgetauscht wurden […]. Jeder wusste, dass wenn für eine Operation ein Experte für Sprengstoff, Telekommunikation oder Repression fehlte, man ohne Problem ein anderes Land ansprechen konnte, weil die Agenten gleich ausgebildet waren und die gleichen Materialien benutzten“, sagte General Paolo Inzerilli, italalienischer Gladio Kommandeur 1974 – 1986[25], über das ACC.

In einer Region in Belgien fand zwischen 1982 und 1985 eine Serie von 16 Anschlägen mit 28 Toten und weit mehr Verletzten statt, die als die „Brabant-Anschläge“ zusammengefasst wurden. Die Täter sind unbekannt.[26] Jedoch der Belgier, „Martial Lekeu, Ex-Mitglied der (rechtsextremen Westland New Post, Anm. d. Autors)WNP und ehemaliger Gendarm, bestätigte in Florida (USA) dem Gladio-Rechercheur Francovich, dass die Geheimarmee in Belgien in die Brabant-Anschläge verwickelt war[…]“[27].

Weiterhin machte er im gleichen Interview eine Aussage, die tendenziell einen anderen Blick auf politische Ereignisse und sicherheitsbehördliche Entwicklungen, sowie das allgemeine geschichtlichen Verständnis über die Vergangenheit und Gegenwart, möglicherweise auch in der BRD, zulässt:
„Es war geplant, Gangs und Gruppen wie diese (in Brabant, Anm. d. Autors) zu organisieren und sie dann allein agieren zu lassen. Doch stellte man sicher, dass sie überleben werden und dass sie Vorräte hatten und dass sie genau wussten, wie man im Land ein Klima des Terrors erzeugt“, erklärte Lekeu. „Sie hatten zwei Pläne. Der erste war“[28], „Gangs zu organisieren, um Überfalle, Geiselnahmen; wissen Sie, Tötungen auszuführen“ (im Originalzitat: „to organize gangs, to do holdups, hostages, you know, killing“)[29].
„Der zweite Plan war, die sogenannte Linke Bewegung zu organisieren, die einen Terrorversuch durchführen sollte, um die Bevölkerung glauben zu lassen, dass diese Terrorversuche von der Linken durchgeführt wurden.“[30]

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[1] Zitat Ganser; NATO Geheimarmeen in Europa; Zürich; 2010; S. 377
[2] Zitat Ebenda; S. 379
[3] Zitat Ebenda
[4] Zitat Ebenda; S. 378
[5] Zitat Ebenda
[6] Vgl. Ganser, Daniele; Vortrag: Die NATO und ihre Geheimarmeen; Universität Basel; 14.09.2009
[7] Zitat Ganser; NATO Geheimarmeen in Europa; Zürich; 2010; S 153
[8] Vgl. Ebenda; S. 210
[9] Vgl. Gasser, Karl Heinz; Untersuchungsbericht über in den Medien dargestellte Vorgänge in dem Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz und deren Auswirkungen auf die Funktionsweise des Amtes; 23.08.2000
[10] Vgl. Ganser; NATO Geheimarmeen in Europa; Zürich; 2010; S. 90
[11] Ebenda; S. 119
[12] Vgl. Ganser, Daniele; Vortrag: Die NATO und ihre Geheimarmeen; Universität Basel; 14.09.2009
[13] Zitat Arte; Dokumentation: Gladio – Geheimarmeen in Europa; ausgestrahlt am 22.02.2011
[14] Vgl. Ganser; NATO Geheimarmeen in Europa; Zürich; 2010; S. 123, 125
[15] Zitat Ebenda; S. 123
[16] Zitat Arte; Dokumentation: Gladio – Geheimarmeen in Europa; ausgestrahlt am 22.02.2011
[17] Zitat Ganser; NATO Geheimarmeen in Europa; Zürich; 2010; S. 306
[18] Vgl. Ebenda; S. 203
[19] Zitat Ebenda
[20] Vgl. Ebenda
[21] Vgl. Ebenda; S. 212
[22] Zitat Ebenda; S. 164
[23] Zitat Ebenda; S. 202
[24] Zitat Ebenda; S. 63
[25] Zitiert in: Ebenda; S. 64
[26] Vgl. Ebenda; S. 222
[27] Zitat Ebenda; S. 233
[28] Zitat Ebenda
[29] Zitiert in: Francovich, Allan: Gladio: The Foot Soldiers. Dritte der insgesamt drei Gladio-Dokumentationen; ausgestrahlt von BBC2 am 24.06.1992
[30] Zitat Ganser; NATO Geheimarmeen in Europa; Zürich; 2010; S. 233